Nissan Leaf Test

Ein wahrer Alltagsheld mit reinem Elektroantrieb

9/10
Wow-Wertung
Das ist die mittlere Bewertung der führenden Autozeitungen.
  • Alltagstaugliche Reichweite
  • Fairer Preis
  • Kraftvoller Antrieb
  • Ladezeit (an der Steckdose)
  • Einfache Materialqualität
  • Kopffreiheit im Fond

31.950 € - 39.850 € Preisklasse

5 Sitze

- l/100km

Test

Die meisten Menschen haben, wenn sie über Elektroautos nachdenken, einen BMW i3 oder ein Tesla vor Augen. Auf die Frage nach dem bis heute erfolgreichsten Elektroauto kommt dann der in Deutschland übliche Antwortreflex, wenn es um bestverkaufte Autos geht: „Ein VW, ein Volkswagen, der Golf!“

Die Zahlen sagen etwas anderes. Das meistverkaufte Elektroauto, das schon seit Jahren große Produktionszahlen einfährt, stammt nicht aus Deutschland, sondern aus Japan und heißt: Nissan Leaf. Die erste Generation kam schon im Jahr 2011 auf den Markt und verkaufte sich bis zum Produktionsende 2017 weltweit fast 300.000 Mal.

Für den Leaf 1 sprachen das alltagsgerechte Gesamtpaket und der faire Preis. Dagegen die zu kurze Reichweite. Nur wenige Autofahrer empfanden hierzulande die ungewöhnliche Form des Fünftürers und den schlicht gehaltenen Innenraum als Einladung, sich einen anzuschaffen.

Das könnte sich mit der zweiten Generation von Nissans Elektroauto ändern, die seit Anfang 2018 auf dem Markt ist, denn das neue Modell wirkt äußerlich harmonischer und bietet mit mindestens 150 PS mehr Leistung und vor allem Reichweite – bis zu 500 Kilometer verspricht der japanische Hersteller in einer späteren Ausbaustufe.

378 Kilometer sollen schon heute gelingen. Im Vergleich zum Vorgänger bereitet der zweite Leaf wegen einem Gaspedal, das nicht nur zum Gas geben, sondern auch zum Bremsen dient, mehr Fahrspaß. Zur gründlich renovierten Technik kommen eine aufgewertete Sicherheitsausstattung – der Leaf fährt teilautonom – und ein verbessertes Platzangebot. Und das zu einem interessanten Preis.

Mehr Länge, mehr Breite, mehr Platz – Das Wachstum um vier Zentimeter von 4,45 auf 4,49 Meter in der Länge und um zwei Zentimeter von 1,77 auf 1,79 Meter in der Breite kommt den Platzverhältnissen auf den fünf Sitzplätzen zugute. Im Kofferraum legte der Leaf nur leicht zu.

Das Interieur

Das Cockpit und der Innenraum wirken sachlich und der schwarze Kunststoff nicht von höchster Güte – irgendwo muss ja gespart werden, wenn der Preis attraktiv sein soll.

Auch die Digitalinstrumente des Vorgängers spart sich der Leaf. Als Fahrer blickt man hinter dem neuen Lenkrad auf einen analogen Tempoanzeiger und ein digitales Infodisplay, das über den Kraftfluss und den Ladezustand des Akkus informiert. Über den Sieben-Zoll-Touchscreen wird das Infotainment bedient. Die Bedienung verläuft weitgehend intuitiv.

Zu viert fährt man, wenn es sich nicht um vier große Erwachsene handelt, bequem. Die Vordersitze bieten genug Seitenhalt. Hoch gewachsene fühlen sich – wie im Vorgänger – in der ersten Reihe in etwas zu hoher Sitzposition.

In Sitzreihe zwei ebenso, wenn der Dachhimmel dem Kopf nah ist. Die Beinfreiheit auf den Rücksitzen, die sich auch beheizen lassen, entspricht dem, was man in der 4,50-Meter-Klasse erwarten darf.

Der Kofferraum

Revolution findet auch nicht im Kofferraum statt. Der erste Leaf bot ein Volumen von 355 bis 370 Liter. Im neuen Nissan Leaf, in dem die Ladekante ziemlich hoch sitzt, darf mit 385 bis 435 Liter etwas mehr eingepackt werden. Die maximale Zuladung liegt immerhin bei 355 bis 415 kg.

Den Nissan Leaf fährt man am besten nur mit einem Pedal: dem E-Pedal, das der Japaner sich vom BMW i3 abgeschaut hat.

Ein Knopfdruck genügt und das E-Pedal ist aktiviert. Geht man vom Gas, verzögert der Nissan, weil er die aus dem Bremsmanöver gewonnene Energie in den Akku einspeist. Das nennt sich im Elektroauto-Fachjargon Rekuperation.

Deshalb lässt sich der Stromer mit nur einem Pedal beschleunigen, bremsen und anhalten. Wie sich das anfühlt? Hat man sich daran erst einmal gewöhnt, möchte man das Gaspedal zum Bremsen nicht mehr missen. Außerdem reduziert sich mit dem klugen Pedal der Bremsverschleiß.

Auch im Handling und im Komfort hat der Nissan Leaf draufgesattelt. Die Lenkung arbeitet nicht sonderlich direkt, aber gefühlvoller. Die gesteigerte Steifigkeit der Karosserie, der niedrige Schwerpunkt wegen der Batterie im Fahrzeugboden und die straffe Abstimmung des Fahrwerks sorgen für mehr Fahrfreude.

Ein Komfortgewinn ist die Stille. Der Leaf gehört zu den Flüsterern auf der Straße. Auch bei höheren Geschwindigkeiten bricht sich der Wind an der windschnittigen Karosserie (cW-Wert: 0,28) leiser als bisher.

Die Elektromotoren

Der Elektromotor leistet jetzt 150 statt 109 PS. Das maximale Drehmoment wuchs von 254 auf 320 Nm. Das reicht um den Leaf in 7,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h zu beschleunigen – ganz schön flott für ein Sparmobil.

Besonders eindrucksvoll sind die ersten Meter, da der E-Motor sofort loslegt. Deshalb lässt der brave Leaf auch Sportwagen beim Kavalierstart an der Ampel hinter sich. Die dann später wieder vorbeiziehen. Denn auf der Landstraße verebbt die Kraft und auf der Autobahn fährt der Nissan so schnell wie das Vormodell: mit maximal 144 km/h.

Mehr ist aber auch kaum sinnvoll, denn fährt man höheres Tempo, ist der Akku schnell leer und es geht wieder an die Ladesäule. Das Stromfassen an normalen Ladestationen und der Haushaltssteckdose dauert lang.

Die rund acht und 16 Stunden sprechen für eine Übernachtung des Leaf in der heimischen Garage, denn am Haushaltsstecker wird der Leaf pro Stunde nur mit 2,3 kW und beim Wechselstromladen mit 6,6 kW versorgt, beim Gleichstromladen am CHAdeMO-Schnelllader aber mit bis zu 50 kW. Damit ist er in 40 Minuten wieder zu 80% voll geladen.

Die Akkukapazität des ersten Leaf lag bei 24 oder 30 kWh. Das reichte in der Papierform für eine Tour von 200 oder 250 km Länge. Nun liefert der Lithium-Ionen-Akku 40 kWh an die Vorderräder und erst nach 378 km soll das Herumstromern ein Ende haben. 250 bis 300 km sind wohl realistischer.

Das offenbart auch die Performance der Konkurrenz. Ein Hyundai Ioniq Electric läuft rund 200 bis 250 km, ein BMW i3 auch und ein Opel Ampera-e etwa 400 km.

Eine Variante des Leaf mit stärkerem Elektromotor und größerer Akkukapazität, die 218 PS produziert und 60 kWh bereit stellt, soll 500 km Reichweite erreichen. Vorausgesetzt man gibt nicht viel Gas, nutzt nicht die Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h und es ist nicht kalt, denn auch ein kalter Winter reduziert die Möglichkeiten, mit einem Elektroauto weit zu kommen.

Und die Haltbarkeit der Batterie? Nissan gibt auf den Akku bis zu einer Laufleistung von 160.000 km acht Jahre Garantie.

Schon das Basismodell ist sicher. Zu den Standardfeatures gehören immer sechs Airbags, das ESP und viele Assistenzsysteme. Serienmäßig sind inklusive der autonome Notbremsassistent mit Fußgängererkennung, die Berganfahrhilfe, der aktive Spurhalte-Assistent mit korrigierendem Bremseingriff, der Fernlicht- und Toter-Winkel-Assistent, der Querverkehrswarner und die Verkehrszeichenerkennung.

In den höheren Ausstattungslinien kommen eine Bewegungs- und eine Müdigkeitserkennung und ein adaptiver Geschwindigkeits- und Abstandsassistent hinzu.

Der im dritten Ausstattungslevel (N-Connecta) serienmäßige ProPILOT, der teilautonomes Fahren im einspurigen Autobahnverkehr möglich macht, ist neu. Das System hält automatisch den Abstand zum Vorausfahrenden und sorgt dafür, dass der Leaf mittig in der Spur bleibt. Der Fahrhelfer bremst zudem ab. Wenn notwendig, sogar bis zum Stillstand.

Nach dem Anhalten bleibt der Leaf dann an Ort und Stelle, selbst wenn der Fahrer den Fuß nicht auf der Bremse hat. Rollt der Verkehr innerhalb von drei Sekunden wieder an, fährt das Fahrzeug automatisch wieder an.

Der ProPILOT Park, ein nur für das Topmodell lieferbares Extra, entschärft das durch die breiten C-Säulen und die schmale Heckscheibe unübersichtliche Heck. Sobald das System eine passende Lücke entdeckt, muss der Fahrer nur noch den Schalter drücken und die Füße von den Pedalen nehmen.

Der Einparkpilot übernimmt dann mit Hilfe von vier Kameras und zwölf Ultraschallsensoren das komplette Parkmanöver. Das heißt: nicht nur das Lenken, sondern auch das Bremsen und Gas geben.

Zurzeit des Redaktionsschlusses wurde die zweite Generation des Nissan Leaf noch nicht im ADAC-Bremstest und Euro NCAP-Crashtest geprüft. Man darf aber Gutes erwarten, denn schon der erste Nissan Leaf fuhr im Jahr 2012 fünf Sterne im Euro NCAP-Test ein.

Nissans Leaf ist in den vier Ausstattungen Nissan Leaf, Acenta, N-Connecta und Tekna orderbar.

Im Einstiegsmodell, in dem die Klimaanlage, die Lenkradfernbedienung, das CD-MP3-Radio mit Bluetooth-Schnittstelle und das 7-Zoll-TFT-Display mit zum Lieferumfang gehören, fällt eigentlich vor allem auf, dass die Sicherheitsausstattung schon sehr komplett ist – so sollte das immer im Basismodell sein.

Der Acenta ist mit dem Lederlenkrad und dem Multimediasystem mit Digital-Radio (DAB), Bluetooth, Freisprechanlage und Sprachsteuerung noch besser ausgerüstet. Über Apple Carplay oder Android Auto geht es ins Internet. Die Rückfahrkamera weist den Weg aus der Parklücke und das EV-Telematiksystem den Weg zur nächsten Ladestation.

Ab der Ausstattung N-Connecta verfügt der Leaf über den ProPILOT und zusammen mit dem tollen Around View Monitor über Parksensoren vorn wie hinten sowie eine Bewegungs- und Müdigkeitserkennung. Der N-Connecta und das Topmodell Tekna sind von außen an den glänzend schwarz lackierten B-Säulen zu erkennen.

Der Tekna besitzt zusätzlich LED-Scheinwerfer, beheizbare Außenspiegel, die Sitzheizung vorn und hinten sowie das im Winter angenehme beheizbare Lenkrad. Dem Topmodell Tekna bleiben zudem die beigen oder schwarzen Alcantara-Ledersitze und das Bose Soundsystem mit sieben Lautsprechern und Subwoofer vorbehalten.

Und das Preis-Leistungs-Verhältnis? Hierzu nur zwei Tipps: Schon das Einstiegsmodell ist mit der Klimaanlage und viel Sicherheit ausgestattet, also eine vernünftige Wahl. Wer auf neue Technik steht, fährt mindestens den N-Connecta, denn ab dieser Ausstattungslinie ist der ProPILOT mit dabei.

Zusammenfassung

In seiner zweiten Generation kommt der Nissan Leaf der Vorstellung, eines leicht zu bedienenden und im Alltag gut nutzbaren und Elektroautos mit guter Reichweite schon sehr nah. Nur die lange Ladezeit an der normalen Steckdose und ein paar Kleinigkeiten stören.

Zu viel Gediegenheit sollte man sich im einfach gehaltenen Innenraum nicht erwarten. Das funktioniert nicht bei diesem Preis. Der ist weiterhin fair und hat angesichts der verbesserten Technik und Reichweite noch stark an Attraktivität gewonnen. 4.000 Euro Elektroprämie gibt es obendrauf.

Dies dürfte in der Summe der Fortschritte sicherlich mehr Menschen als bisher über ein Elektroauto wie den Nissan Leaf nachdenken lassen.

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