Dein Weg zum neuen Auto
Es gibt Autos, bei denen reicht ein Modellwechsel, und das Internet zieht sich reflexartig die Lederjacke an, stellt sich mit verschränkten Armen in die Ecke und murmelt: „Früher war alles besser.“ Der BMW 1er ist so ein Auto. Erst verlor er den Heckantrieb, dann wurde er immer digitaler. Und der Vorwurf lautet: BMW hat den 1er. Aber stimmt das?
Nach unserer Fahrt im BMW M135 xDrive lautet die ehrliche Antwort: ein bisschen. Aber BMW hat ihn verändert. Und zwar so, dass Traditionalisten kurz in ihr Lenkrad beißen könnten, während normale Menschen vermutlich sagen: „Eigentlich ziemlich gut.“
Design: mehr Fitnessstudio als Revolution

Optisch ist der neue 1er vor allem vorne neu. Die Seitenlinie und das Heck erinnern stark an den Vorgänger, aber die flachere, schärfere Front mit schmaleren Scheinwerfern gibt ihm deutlich mehr Biss. Er sieht nicht aus wie ein völlig neues Auto, eher wie ein alter 1er, der endlich die Fitnessstudio-Mitgliedschaft nutzt.
Besonders der M135 xDrive wirkt mit M-Hochglanz-Shadow-Line, 18-Zoll-M-Leichtmetallrädern, M-Heckspoiler und den typischen sportlichen Details deutlich ernsthafter als die zahmeren Versionen. Der M135 xDrive kostet in Deutschland mindestens 57.150 Euro und kommt serienmäßig mit 221 kW/300 PS, xDrive-Allradantrieb und 7-Gang-Steptronic-Doppelkupplungsgetriebe.
Innenraum: viel Premium, ein paar Fragezeichen

Innen macht der 1er den größeren Sprung. Das Curved Display mit 10,25-Zoll-Instrumentendisplay und 10,7-Zoll-Touchscreen dominiert das Cockpit, der alte iDrive-Drehregler ist Geschichte, und fast alles läuft über den Bildschirm. Das Menü ist zwar überladen mit Funktionen, die es auswendig zu lernen gilt, funktioniert aber im Alltag ordentlich. Apple CarPlay und Android Auto sind serienmäßig, ebenso BMW Live Cockpit Plus mit Operating System 9.
Der erste Eindruck im Innenraum ist stark. Materialien und Verarbeitung wirken hochwertig, die Ambientebeleuchtung im Armaturenbrett sieht richtig gut aus und gibt dem Cockpit mehr Premium-Gefühl als mancher Konkurrent auf die Reihe bekommt. Die gesamten Innenraumgestaltung passt zum M135 xDrive und fühlt sich sportlich an, ohne nach peinlichem Trackday-Kostüm zu schreien.

Ganz perfekt ist es aber nicht. Vor dem Beifahrer wirkt das Armaturenbrett optisch etwas zu sehr nach Hartplastik-Attrappe, auch wenn es sich haptisch besser anfühlt. Das ist so ein Detail, das man bei einem Auto für über 57.000 Euro nicht einfach wegwinken kann. BMW kann Innenräume. Hier hätte es eine edlere Lösung sein dürfen.
Die Sitze dagegen sind gelungen. Die Sportsitze bieten eine gute Mischung aus Halt und Komfort. Sie nehmen einen ordentlich in die Zange, ohne nach zwei Stunden Autobahnfahrt die Wirbelsäule in eine Kündigung zu treiben. Genau so sollte ein sportlicher Kompakter sein: engagiert, aber nicht nervig.
Platzangebot: kein Raumwunder, aber alltagstauglich

Beim Platzangebot bleibt der 1er ein klassischer Premium-Kompakter. Vorne sitzt man bequem, hinten geht es für Erwachsene in Ordnung, solange vorne nicht zwei Basketballer Platz genommen haben. Positiv: Die Füße passen gut unter die Vordersitze, die Sitzposition im Fond ist angenehm, Bein- und Kopffreiheit sind solide. Ab etwa 1,85 Meter wird es hinten enger, und die Dachlinie schränkt das seitliche Sichtfeld etwas ein. Die Platzverhältnisse haben sich Wachstum trotz des neuen 1er auf 4,36 Meter Länge kaum verändert, weil Radstand und Grundplattform weitgehend gleich geblieben sind.
Kofferraum: cleverer als erwartet

Der Kofferraum ist beim M135 xDrive erfreulich alltagstauglich. Er fasst 380 Liter, mit umgeklappten Rücksitzen bis zu 1.200 Liter.
Besonders clever: Die Hutablage lässt sich sauber unter dem Ladeboden verstauen, ohne zu verrutschen oder zu klappern. Weil der Kofferraum nicht allzu tief ist, lässt sich die Rückbank zudem leicht von hinten umklappen. Danach entsteht eine ebene Ladefläche ohne nervige Stufe. Das ist kein glamouröses Feature, aber genau solche Kleinigkeiten machen ein Auto im Alltag besser.
Motor und Verbrauch: nix mit Elektro-1er

Kommen wir zur Elektrifizierung – oder besser gesagt: zu deren Abwesenheit. Einen reinen Elektro-1er gibt es nicht, einen Plug-in-Hybrid ebenfalls nicht. Im M135 xDrive arbeitet auch kein 48-Volt-Mildhybrid wie im 120 oder 123 xDrive, sondern ein 2,0-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 300 PS und 400 Nm. BMW nennt 4,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h, 250 km/h Spitze, 49 Liter Tankvolumen und 7,6 bis 8,2 l/100 km nach WLTP.
In meinem Praxistest im entspannten Mischbetrieb aus Autobahn, Landstraße und Stadt – meist im Efficient-Modus – lag der Verbrauch bei sogar bei 7,1 l/100 km. Für die Leistung ist das ein guter Wert.
Fahrverhalten: gezähmt, aber nicht langweilig

Und wie fährt er? Besser, als die Heckantriebs-Fraktion gerne zugeben würde. Die Lenkung ist sehr direkt, man hat sofort Vertrauen ins Auto und kann den M135 xDrive präzise platzieren. Das Handling ist deutlich schärfer als bei einem normalen Kompakten, und das passt zur Aussage im Testbericht, dass BMW Lager, Versteifungen und Fahrwerk überarbeitet hat, um Lenkpräzision, Agilität und Kurvendynamik zu verbessern.
Das Fahrwerk ist für ein M-Modell eher komfortabel abgestimmt. Im Alltag ist das super, weil der Wagen nicht über jede Querfuge poltert wie ein schlecht gepackter Werkzeugkasten. Bei schnellen Spurwechseln merkt man aber leichte Wankbewegungen. Mir persönlich ist das schon etwas zu weich für ein M-Modell.
Sound und Getriebe: Emotion ja, Sofortbiss nicht immer

Der Motor klingt kernig und sportlich, auch wenn ein Teil des Sounds aus den Lautsprechern kommt. Emotional funktioniert es trotzdem. Im Efficient- oder leiseren Modus kann der M135 xDrive angenehm zurückhaltend sein, im sportlicheren Modus macht er genug Rabatz, um nicht wie ein sehr teurer Staubsauger zu wirken.
Ab etwa 120 km/h gibt es leichte Windgeräusche an der A-Säule beziehungsweise oberen Fensterkante. Nicht dramatisch, aber für ein M-Modell dürfte die Dämmung einen Tick besser sein.
Das Getriebe ist meistens gut, aber nicht immer messerscharf. Beim Kickdown gibt es eine kurze Sortierpause, bevor der Gang sitzt und die volle Leistung anliegt. Aus dem Stand wirkt die Beschleunigung im normalen Fahrbetrieb – vor allem im Vergleich zu Elektroautos – nicht brutal spontan. Mit Launch Control ändert sich das: Sie ist einfach zu bedienen und holt deutlich mehr Punch aus dem Auto. Auf der Autobahn überzeugt der Durchzug ohnehin.
Assistenzsysteme: Parken kann er ziemlich gut

Auch die Assistenz passt. Der automatische Parkassistent funktioniert zuverlässig und kann sogar während eines bereits begonnenen manuellen Einparkvorgangs aktiviert werden, um den Job zu Ende zu bringen. Nicht unbedingt etwas, das man in einem kompakten 1er unbedingt braucht, aber “nice to have”.
Fazit: BMW hat den 1er nicht ruiniert – nur gezähmt
Hat BMW den 1er also ruiniert? Nein. Er ist aber nicht mehr der Einstiegs-M von früher.
Der neue M135 xDrive ist erwachsener, digitaler, komfortabler und pragmatischer. BMW-Fans werden das als Verrat empfinden. Aber wir müssen uns ehrlich eingestehen: Für die meisten Menschen ist es vermutlich jetzt das bessere Auto.
Nicht perfekt, nicht ganz so wild, aber schnell, hochwertig, praktisch und im Alltag vernünftig. BMW hat den 1er nicht ruiniert – BMW hat ihn gezähmt.