Phantombremsungen im China-SUV – Wir sind den BYD Atto 3 Evo gefahren

Dein Weg zum neuen Auto

Der kostenlose und einfache Weg, Ihr Auto online zu wechseln.
4,6/5 aus 23.866 Bewertungen

Manchmal reicht ein Facelift für neue Felgen, andere Stoßfänger und ein paar schickere Farben. Beim BYD Atto 3 Evo ist das anders. Zum Glück.

Denn der Atto 3 gehörte nie zu den Elektroautos, die man uneingeschränkt empfehlen konnte. Zwar überzeugte er bereits mit einem auffälligen Innenraum und einer umfangreichen Serienausstattung, doch in den entscheidenden Disziplinen ließ er zu viele Punkte liegen. Die Ladeleistung war selbst für damalige Verhältnisse enttäuschend, das Platzangebot lediglich durchschnittlich und auch fahrdynamisch fehlte dem SUV der letzte Feinschliff.

BYD Atto 3 Evo Testbericht entdecken

Wer regelmäßig Langstrecke fuhr, fand bei der Konkurrenz schlicht die besseren Alternativen. Genau diese Schwächen hat BYD beim Evo angepackt – und das merkt man praktisch in jeder Fahrsituation.

Das Ergebnis ist kein komplett neues Auto. Aber eines, das sich endlich so anfühlt, als wäre es von Anfang an fertig entwickelt worden.

Ein Innenraum, der sich nicht hinter der Konkurrenz verstecken muss

Der Innenraum gehört zweifellos zu den größten Stärken des Atto 3 Evo. Das sogenannte Ocean-Design zieht sich konsequent durch das gesamte Cockpit und verleiht dem SUV einen eigenständigen Charakter. Die geschwungenen Linien des Armaturenbretts wirken modern, ohne übertrieben verspielt zu sein, und auch die Materialqualität überzeugt. Weiche Oberflächen und eine insgesamt saubere Verarbeitung sorgen dafür, dass sich der Innenraum hochwertig anfühlt.

Nicht jede Designidee geht allerdings auf. Die Türgriffe, die gleichzeitig Teil der Lautsprecher sind, sehen zwar ungewöhnlich aus, bringen im Alltag aber keinen echten Mehrwert. Und dann diese merkwürdigen Gummizüge an den Türfächern. Hier wirkt es so, als hätten die Designer eine Idee einfach unbedingt umsetzen wollen.

Endlich eine Bedienung, die Spaß macht

Noch wichtiger als die Optik ist allerdings die Bedienung – und hier macht BYD inzwischen vieles richtig.

Der große Touchscreen reagiert angenehm schnell auf jede Eingabe und ist sinnvoll positioniert. Das digitale Kombiinstrument zeigt alle wichtigen Informationen übersichtlich an und auch die Tasten am Lenkrad sind logisch angeordnet. Besonders positiv fällt die Mittelkonsole auf. Statt sämtliche Funktionen in Untermenüs zu verstecken, gibt es weiterhin echte Schalter für Fahrmodi, Rekuperation, Auto Hold oder die Warnblinkanlage. Genau so sollte moderne Bedienung funktionieren.

Praktisch sind außerdem das aktiv gekühlte induktive Smartphone-Ladefach sowie die zusätzlichen Ablagen unter der Mittelkonsole, die den Alltag spürbar erleichtern.

Die Software nervt trotzdem noch

Ganz ausgereift ist die Software allerdings noch nicht. Zwar lässt sich der Tempolimit-Warner inzwischen komfortabel über einen Schnellzugriff deaktivieren und einzelne Hinweise können dauerhaft ausgeschaltet werden. Trotzdem produziert das Auto weiterhin eine ganze Reihe unterschiedlicher Warntöne, die jeweils separat deaktiviert werden müssen.

Das ist kein riesiges Problem, aber eines, das im Alltag unnötig auf die Nerven geht. Eine zentrale Möglichkeit, sämtliche Assistenzhinweise mit einem Tastendruck abzuschalten, wäre deutlich komfortabler.

Sitzkomfort mit echtem Wow-Effekt

Das vielleicht größte Komfort-Highlight sind überraschenderweise die Sitze. Genauer gesagt: ihre Belüftung.

Während viele Hersteller eine Sitzbelüftung eher als nettes Extra verstehen, arbeitet sie im Atto 3 Evo erstaunlich effektiv. Bereits auf mittlerer Stufe wird sowohl die Rückenlehne als auch die Sitzfläche spürbar gekühlt. Gerade an heißen Sommertagen macht das einen erheblichen Unterschied. Man steigt nach längeren Fahrten aus, ohne das unangenehme Gefühl zu haben, mit dem Sitz verschmolzen zu sein. So gut funktioniert eine Sitzbelüftung in dieser Klasse längst nicht überall.

Mehr Platz für den Alltag

Auch die Alltagstauglichkeit hat gewonnen. Der Kofferraum wächst auf 490 Liter und erhält zusätzlich einen 101 Liter großen Frunk unter der Fronthaube. Das schafft endlich ausreichend Platz für Ladekabel oder kleinere Einkäufe und beseitigt eine der größten Schwächen des bisherigen Modells.

Dazu kommen zahlreiche Ablagen im Innenraum, wodurch sich der Atto 3 Evo insgesamt deutlich praktischer anfühlt als sein Vorgänger.

Kräftiger Antrieb, ordentliches Fahrwerk

Beim Fahren hinterlässt der Atto 3 Evo einen insgesamt ausgereiften Eindruck. Der Elektromotor spricht spontan an und sorgt jederzeit für kräftigen Vortrieb. Besonders im Stadtverkehr oder beim Überholen fühlt sich das SUV angenehm souverän an.

Die Lenkung arbeitet rund um die Mittellage relativ straff, vermittelt allerdings etwas zu wenig Rückmeldung darüber, was an der Vorderachse passiert. Dadurch fehlt ein wenig Präzision, ohne dass das Fahrverhalten insgesamt unsicher wirken würde.

Auch das Fahrwerk präsentiert sich gelungen. Es ist eher straff abgestimmt, filtert Unebenheiten aber dennoch ordentlich heraus. Gerade angesichts des Batteriegewichts gelingt BYD ein guter Kompromiss zwischen Komfort und Stabilität.

Warum die Rekuperation enttäuscht

Nicht jede technische Änderung ist allerdings ein Volltreffer. Die Rekuperation gehört weiterhin zu den größten Schwächen des Fahrzeugs.

Selbst in der stärksten Einstellung fällt die Verzögerungswirkung vergleichsweise gering aus. Dazu kommt, dass lediglich die Modi „Standard“ und „High“ angeboten werden. Ein echtes One-Pedal-Driving sucht man vergeblich. Wer häufig elektrisch unterwegs ist, wird sich hier schnell mehr Einstellmöglichkeiten wünschen.

Ein überraschend guter Reisewagen

Seine größten Stärken zeigt der Atto 3 Evo auf der Autobahn. Das SUV liegt auch bei höherem Tempo souverän auf der Straße und überzeugt mit einer gelungenen Geräuschdämmung. Wind- und Abrollgeräusche bleiben angenehm im Hintergrund, wodurch längere Fahrten deutlich entspannter verlaufen als noch beim Vorgänger.

Mit einem gemessenen Verbrauch von rund 19,7 kWh pro 100 Kilometer bei etwa 130 km/h bewegt sich der Atto 3 Evo zudem auf einem ordentlichen Niveau für ein Elektro-SUV dieser Größe.

Die Assistenzsysteme sind noch nicht auf dem gewünschten Niveau

Während Fahrwerk und Geräuschkomfort überzeugen, gilt das für die Assistenzsysteme leider nicht.

Vor allem der Spurhalteassistent wirkt unausgereift. Teilweise verliert er die Fahrbahnmarkierungen, teilweise hält er das Fahrzeug nicht sauber in der Fahrbahnmitte und reduziert in leichten Kurven unnötig die Geschwindigkeit.

Noch schwerer wiegen allerdings zwei Phantombremsungen während des Tests. Einmal bremste das Fahrzeug beim Spurwechsel im Stop-and-Go-Verkehr grundlos stark ab, ein weiteres Mal interpretierte das System einen leicht in die Fahrbahn ragenden Busch als Hindernis und leitete ebenfalls eine Notbremsung ein. Beide Situationen verliefen glimpflich, hinterlassen aber kein besonders großes Vertrauen in die Software.

Fazit: Jetzt stimmt das Gesamtpaket – fast

Der Atto 3 Evo zeigt eindrucksvoll, wie viel ein gelungenes Facelift bewirken kann. BYD hat genau an den Stellen nachgebessert, an denen der Vorgänger seine größten Schwächen hatte. Der Innenraum wirkt hochwertig, die Bedienung ist gelungen, der Antrieb überzeugt und auf der Autobahn präsentiert sich das SUV angenehm komfortabel.

Perfekt ist der Atto 3 Evo trotzdem nicht. Die schwache Rekuperation und vor allem die unausgereiften Assistenzsysteme verhindern, dass BYD schon ganz zur Klassenbesten aufschließt.

Trotzdem ist der Unterschied zum bisherigen Atto 3 enorm. Aus einem Elektro-SUV, das man wegen seiner technischen Defizite nur eingeschränkt empfehlen konnte, ist ein Fahrzeug geworden, das man heute ohne Zögern in die engere Auswahl nehmen sollte. Und genau das ist wahrscheinlich das größte Kompliment, das man diesem Facelift machen kann.

BYD Atto 3 Evo Testbericht entdecken