127.000 Euro für eine fahrende Schrankwand: Genial oder völlig bekloppt? – Wir sind die Mercedes G-Klasse gefahren

Andreas Heise
Senior Online-Redakteur Test
06. September 2026

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Die Mercedes G-Klasse ist der unangefochtene König vor den In-Lokalen von Miami bis Sylt und gleichzeitig ein herrlich absurdes Auto.

Ob Fußball-Millionäre, Hollywood-Größen oder Reality-Sternchen: Wer etwas auf sich hält, rollt in einer Mercedes G-Klasse vor. Vor allem die AMG-Varianten mit ihren soundstarken Sidepipes und die superteuren Brabus-Umbauten verstopfen die Einfahrten der Promi-Hotspots. Die Lieferzeiten sind ewig lang, der Hype reißt seit Jahren nicht ab. Doch warum eigentlich?

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Um das herauszufinden, sind wir die G-Klasse selbst gefahren. Allerdings nicht den brüllenden V8, sondern die vernünftigste Variante: den G 450 d. Einen Reihensechszylinder-Diesel mit Mildhybrid-Unterstützung, 367 PS (+20 PS) und satten 750 Nm Drehmoment. Schon nach den ersten Metern wird klar: Dieses Auto ist eine automobile Ansage und völlig aus der Zeit gefallen.

Optik: Ein fahrendes Statement

Die Faszination beginnt lange vor dem Einsteigen. Eine Mercedes G-Klasse ist nicht irgendein SUV, sie ist ein Monument. Die kantige Form hat sich seit Jahrzehnten kaum verändert, nur die Technik darunter. Mit 4,83 Metern Länge und gewaltigen 1,97 Metern Höhe steht hier ein fahrender Ziegelstein. Eine steile Windschutzscheibe, dicke Blinker auf der Motorhaube und ein vollwertiges Ersatzrad am Heck – das ist kein aero-optimierter Einheitsbrei, sondern pure Präsenz.

Unser Testwagen, der G 450 d, gibt sich optisch zwar zurückhaltender als ein Krawall-AMG, zieht aber trotzdem alle Blicke auf sich. Wer dieses Auto fährt, will nicht übersehen werden. Und er wird es garantiert nicht.

Preis: Absolutes Luxusgut

Früher gab es eine G-Klasse noch in einer kargen Basisausstattung für den Förster. Lange ist es her … Unser Diesel-Testwagen G 450 d markiert aktuell den „Einstieg“ in die G-Klasse-Welt. Und dieser Einstieg schlägt im Konfigurator mit mindestens 127.592 Euro zu Buche. Von Schnäppchen kann hier keine Rede sein, wir bewegen uns tief im Luxussegment.

Und das war’s noch lange nicht: Der Benziner G 500 (449 + 23 PS) startet bei rund 137.000 Euro. Wer den legendären V8-Sound des G 63 AMG (585 + 20 PS) will, muss noch einmal ganz tief in die Tasche greifen und legt im Grundpreis fast 70.000 Euro mehr auf den Tisch als beim Diesel – am Ende insgesamt mindestens 192.691 Euro. G-Klasse-Fahren war schon immer teuer, aber heute ist es ein Luxusprivileg.

Kuriositäten: Flatternde Scheiben, Moskito-Massaker

Was dieses Auto wirklich einzigartig macht, sind seine unzähligen Skurrilitäten. Die Hecktür verdient definitiv den Aufkleber “Vorsicht, schwenkt aus!”, der extrem hohe Einstieg gleicht einer Everest-Besteigung. Und da wären die Türen: Keine Soft-Close-Automatik zieht sie sanft ins Schloss. Man muss sie kräftig zuschlagen, wirklich kräftig – das Ganze wird garniert vom berühmten metallischen Klacken.

Absurd wird es bei den Scheiben: Öffnet man das Fenster bei höherem Tempo einen Spalt weit, fängt die Scheibe stark zu vibrieren an. Und die steile Frontscheibe wirkt wie ein Magnet für Insekten – nach jeder Autobahnfahrt ist quasi eine Reinigung fällig.

Im Cockpit prangt vor dem Beifahrer ein massiver Haltegriff aus alten Zeiten – natürlich gedacht für Geländefahrten. Also rein theoretisch. Passend dazu steckt der Wagen voller hochkomplexer Offroad-Sperren, die fast kein Käufer im Jetset-Alltag jemals aktivieren wird. Eine Sitzbelüftung oder Massagefunktion würde das VIP-Klientel wohl häufiger nutzen. Doch Fehlanzeige, wäre bei 127.000 Euro auch zu viel erwartet …

Fahrgefühl: Schiff trifft Schrankwand

Wer noch nie eine G-Klasse gesteuert hat, erlebt auf den ersten Kilometern einen echten Kulturschock. Das Fahrverhalten hat rein gar nichts mit einem modernen SUV oder gar einem satt auf der Straße liegenden Elektroauto zu tun. Durch den extrem hohen Schwerpunkt und die enorme Masse schaukelt und wankt die Karosserie wie ein Schiff auf hoher See. Schon sanfte Lenkbewegungen lassen den Aufbau spürbar zur Seite neigen.

Das Gute: Man thront hoch über dem Verkehr wie auf einer Kommandobrücke – ein Gefühl, das nicht viele Pkw bieten. Die relativ großen Fensterscheiben ermöglichen dabei einen guten Blick in alle Richtungen, vor allem hinten raus. Auf der Autobahn glänzt der Mildhybrid-Diesel zwar mit mächtigem Durchzug, doch schon ab 130 km/h wird es im Innenraum spürbar laut. Die Windgeräusche an der steilen Frontscheibe erinnern daran, dass man gerade eine Schrankwand durch den Wind drückt. Höchstgeschwindigkeit? 210 km/h  – die reichen völlig aus.

Perfektes Zugfahrzeug

Innen zeigt sich ein zwiespältiges Bild. Die Passagiere genießen dank der enormen Fahrzeughöhe viel Kopffreiheit. Auch im Fond gibt es reichlich Platz. Doch trotz der gewaltigen Außenmaße wirkt der Innenraum keineswegs wie ein riesiges Wohnzimmer.

Der Kofferraum schluckt mit 575 Litern ordentlich Gepäck, ist aber gemessen an der Wucht des Autos kein Raumwunder – auch weil die riesigen Radkästen hinten Platz beanspruchen. Dafür punktet der Geländewagen an anderer Stelle: Dank des bärenstarken Drehmoments zieht der G 450 d mühelos bis zu 3,5 Tonnen schwere Anhänger weg.

Verbrauch: Unter 10 Liter sind möglich, aber wohl nur im Diesel

Eine positive Überraschung erlebten wir beim Tankstopp. Trotz der Aerodynamik einer Einbauküche erweist sich der Diesel als überraschend effizient. Wer die G-Klasse auf der Autobahn mit maximal 130 km/h entspannt dahingleiten lässt, realisiert Verbräuche um die 8,0 Liter auf 100 Kilometer. Damit liegt der Realkonsum bei zurückhaltender Fahrweise sogar unter dem offiziellen WLTP-Wert von 8,7 Litern.

Selbst auf einer flotten Autobahn-Rückfahrt mit Geschwindigkeiten von teilweise bis zu 200 km/h genehmigte sich der Koloss akzeptable 10,8 Liter Diesel. Wer unbedingt G-Klasse fahren möchte, ohne Dauerstammgast an der Tankstelle zu sein, wählt genau diesen Motor. Ganz anders verhält es sich bei den Benziner-Modellen: Der G 500 ist offiziell mit 10,9 l/100 km und der Mercedes-AMG G63 mit 14,7 Litern angegeben – mehr braucht man eigentlich nicht sagen …

Fazit: Herrlich unvernünftig

Objektiv betrachtet ist die Mercedes G-Klasse an vielen Stellen völlig unvernünftig – und auch überteuert. Sie wankt in Kurven, pfeift im Wind, ist unhandlich mit einem riesigen Wendekreis von 13,6 Metern und kostet ein Vermögen. Und genau deshalb lieben viele Menschen sie.

Die G-Klasse versucht erst gar nicht, ein perfektes Auto zu sein. Sie ist ein automobiles Denkmal mit Ecken, Kanten und purem Charakter. Ihre magische Anziehungskraft speist sich aus der extremen Präsenz, dem Sound der AMG-Versionen und dem Gefühl, etwas absolut Unverwechselbares zu fahren. Schwächen werden hier nicht kritisiert, sondern als Kult gefeiert.

Zu guter Letzt: Ja, die ausgeprägte Offroadtauglichkeit, auf die wir hier nicht im Detail eingegangen sind, spricht theoretisch auch für die G-Klasse. Doch wir wissen alle, dass der mindestens 127.000 Euro teure Wagen schon lange nicht mehr durch den Wald rollt. Am ehesten noch über eine Sanddüne in Dubai. Am Ende sind die Münchner Maximilianstraße oder der Berliner Kurfürstendamm das angestammte Revier.