Guter Kombi, schlechtes E-Auto – Wir sind den Astra Electric Sports Tourer gefahren

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Machen wir uns nichts vor: Die Automobilbranche befindet sich in einem radikalen Umbruch, und wer hier nicht mit Innovationen glänzt, wird gnadenlos abgehängt. Stellantis und seine deutsche Tochter Opel haben große Töne gespuckt. Einst rühmte man sich damit, eine der allerersten Marken zu sein, die vollmundig ankündigten, ab 2028 rein elektrisch unterwegs zu sein.

Ein ambitioniertes Ziel, das man mittlerweile demütig wieder aufgegeben hat. Und wenn man sich den aktuellen Ansatz der Rüsselsheimer ansieht – Paradebeispiel: der neue Opel Astra Electric Sports Tourer –, dann wird auch völlig klar, warum dieses Ziel absolut utopisch ist.

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Als Elektro viel zu teuer

Die Elektroversion des Astra Sports Tourer startet bei satten 39.890 Euro für die Basisausstattung “Edition”. Wer es etwas schicker mag, blättert für den “GS” 42.210 Euro oder für das Topmodell “Ultimate” stolze 45.260 Euro hin. Das ist Premium-Territorium. Aber bietet Opel hier wirklich ein Premium-Elektroauto, oder fährt die Marke mit diesem Konzept geradewegs in den eigenen Untergang? Spoiler-Alarm: Es sieht nicht gut aus.

Optisch ein Hingucker

Fangen wir mit dem Positiven an, denn fair ist fair: Optisch sieht der Astra Electric Sports Tourer einfach super aus. Das aktuelle Markengesicht, das sogenannte  Vizor, ist zwar gewöhnungsbedürftig, doch die sonstigen Proportionen sind sportlich und elegant. Er wirkt modern, scharf gezeichnet und hat eine Präsenz auf der Straße, die einem Kombi dieser Klasse gut steht.

Zudem ist es absolut erfrischend, überhaupt in einem Elektro-Kombi zu sitzen. Von dieser Karosserieform gibt es im E-Segment bedauerlicherweise noch immer viel zu wenige, da die Welt scheinbar nur noch klobige SUVs fahren möchte.

Was beim Betrachten des Fahrzeugs jedoch sofort ins Auge sticht, ist die extrem lange Motorhaube. Ja, das verleiht dem Kombi eine dynamische und sportliche Silhouette. Aber: Diese Haube müsste bei einem Elektroauto nicht derartig lang sein und ist definitiv länger, als sie für eine effiziente Platzausnutzung eigentlich sein dürfte. Und genau hier beginnen die Probleme, die uns tief in die Architektur dieses Autos blicken lassen.

Premium-Preis, Dacia-Gefühl

Steigt man ein, wird man zunächst von einem aufgeräumten Cockpit begrüßt. Opel hat einen ziemlich guten Kompromiss aus physischen Tasten und digitaler Bedienung gefunden. Das ist heutzutage eine Seltenheit und verdient Lob. Doch die Freude währt nicht lange, denn am Anfang wirkt die Bedienung leider nicht sonderlich intuitiv. Die Anordnung der Schalter und Menüs erfordert eine unnötig lange Eingewöhnungszeit.

Das eigentliche Drama spielt sich aber bei der Material- und Verarbeitungsqualität ab. Es ist alles “vernünftig” zusammengebaut. Aber eben nur auf einem Niveau, wie man es beispielsweise von einem Dacia erwarten würde. In einem Auto, das deutlich über 40.000 Euro kostet, erwarte ich schlichtweg mehr Finesse, bessere Kunststoffe und eine schönere Innenraumgestaltung. Dafür kostet dieser Elektro-Kombi einfach viel zu viel Geld.

Ein Opfer des Verbrenners

Das absolut größte Manko des Wagens ist jedoch, wie unfassbar “zugebaut” der Innenraum ist. Daran merkt man einfach gnadenlos, dass die Basis dieses Fahrzeugs ein ganz normaler Verbrenner ist, der notgedrungen auf Elektro umgebaut wurde. Die Mittelkonsole vorn ist unfassbar breit, nimmt extrem viel Raum ein und bietet dabei trotzdem quasi keinen nutzbaren Stauraum. Man findet nur winzige Fächer und eine völlig verbastelte Handyablage, die im Alltag einfach nur nervt.

Wechseln wir in den Fond. Elektroautos punkten normalerweise mit flachen Böden, die für viel Beinfreiheit sorgen. Nicht so der Astra Electric Sports Tourer: Hinten thront ein großer Mitteltunnel, ein Relikt der Verbrenner-Plattform, das den Passagieren in der Mitte den Fußraum raubt.

Das Platzangebot im Kofferraum ist entsprechend der Kombi-Form immerhin gut – 516 bis 1.553 Liter Fassungsvermögen für die Elektroversion. Dennoch bleibt das bittere Gefühl: Ohne die endlos lange Verbrenner-Motorhaube, die platzraubende Mittelkonsole und den Mitteltunnel hätte man hier ein wahres Raumwunder schaffen können.

Technik von gestern

Wenn man die Karosserie eines Autos einfach nur umrüstet, leidet unweigerlich die elektrische Performance. Im Unterboden sitzt eine 55-kWh-Batterie (netto). Für 445 km Reichweite nach WLTP soll das langen, eher 350 km sind realistisch. Effizient ist der Opel, aber die Batteriegröße ist für einen ausgewachsenen Familienkombi schlicht und ergreifend nur das Minimum.

Noch enttäuschender wird es an der Ladesäule. Die maximale DC-Ladeleistung ist mit 100 kW angegeben. In einer Zeit, in der die Konkurrenz mit 150, 200 oder gar 350 kW lädt, ist das einfach eine schlechte Ladeleistung, die auf langen Urlaubsfahrten für Frust sorgen wird.

Dazu kommt, dass der Astra Electric auf der Straße technologisch schlichtweg nicht viel kann. Mein geliebtes One-Pedal-Drive, bei dem man das Auto fast ausschließlich über das Fahrpedal beschleunigen und abbremsen kann? Gibt es nicht. Man kann die Rekuperation zwar über Schaltwippen am Lenkrad einstellen, aber bis zum Stillstand bremst das System nicht.

Selbst eine simple, alltägliche Auto-Hold-Funktion fehlt in diesem Fahrzeug komplett. Als Elektroauto taugt er in dieser Hinsicht einfach nichts und fühlt sich an wie die hastig umgebauten E-Autos von vor 5 Jahren.

Die rettende Überraschung

Umso trauriger sind die vielen Kritikpunkte, weil sie trüben, was der Opel eigentlich gut macht: Wenn man erst einmal fährt, ist der Opel Astra Electric Sports Tourer ein echtes Sahnestück. Er fährt sich extrem gut. Die Lenkung ist super abgestimmt – direkt, ohne nervös zu wirken –, und der Fahrkomfort ist schlichtweg exzellent. Er federt Unebenheiten souverän weg und bietet genau jene entspannte Souveränität, die man sich von einem Familienkombi wünscht.

Und noch ein riesiges Lob an die Ingenieure in Rüsselsheim: Opel hat es tatsächlich geschafft, ein Geräusch für den nervigen, gesetzlich vorgeschriebenen Tempolimitwarner zu finden, das absolut nicht stört!

Es ist zwar subtil wahrnehmbar, aber es ist nicht so penetrant und störend, als dass man sofort den Drang verspürt, es bei jedem Fahrtantritt tief in den Untermenüs abschalten zu müssen. Das ist gelebte Nutzerfreundlichkeit, an der sich andere Hersteller eine dicke Scheibe abschneiden können.

Wohin steuert Opel?

Machen wir einen Strich unter die Rechnung. Der Astra Sports Tourer ist absolut kein schlechter Kombi – solange ein Verbrennungsmotor unter der langen Haube steckt. Aber als reines Elektroauto taugt dieser Ansatz einfach nichts. Er ist zu teuer, zu verbaut, die Batterie ist zu klein und die Ladegeschwindigkeit nicht mehr zeitgemäß.

So kann das für Opel in der hart umkämpften Elektrowelt einfach nicht aufgehen. Man fragt sich unweigerlich, wo der Mutterkonzern Stellantis mit der Marke Opel eigentlich hin möchte. Unter dem Gesichtspunkt, dass man einst Vorreiter sein und ab 2028 rein elektrisch agieren wollte, ist das aktuelle Line-up ein Rätsel.

Wie diese abgeblasenen Zukunftsversprechen damit zusammenpassen sollen, dass man heute derart rückständige Kompromiss-E-Autos anbietet, erschließt sich wirklich niemandem. Der Astra Electric Sports Tourer ist ein wunderbar fahrender Kombi, der im Elektrokorsett seiner eigenen Architektur erstickt.

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