Besser als der Renault 5 E-Tech oder nur eine Billo-Kopie? – Wir sind den Nissan Micra gefahren

Andreas Heise
Senior Online-Redakteur Test
30. August 2026

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Ist der Nissan Micra besser als das Original, der Renault 5 E-Tech? – Wir haben es bei einer Testfahrt herausgefunden.

Nach einer vierjährigen Pause ist der Nissan Micra als reiner Stromer auf den Kleinwagenmarkt zurückgekehrt. Gemeinsam mit Renault entwickelt, nutzt der japanische Klassiker die gleiche Plattform wie der Retro-Flitzer Renault 5 E-Tech. Da stellt sich natürlich die Frage, welcher besser ist …

Nissan Micra Testbericht lesen

Mit einer Fahrzeuglänge von 3,97 Metern bleibt der Micra seinen typischen Abmessungen treu und schrumpfte sogar um zwei Zentimeter gegenüber seinem Vorgänger. Die runden Scheinwerfer verleihen der Front einen sympathischen Blick. Wer im Alltag vor allem einen kompakten Zweitwagen sucht, findet hier eine (optisch) ansprechende Alternative.

Renault und Nissan haben die Preise gesenkt

Der Einstieg in die Modellreihe beginnt bei einem Listenpreis von 27.990 Euro für die Basisversion Engage mit 40 kWh Akku und 90 kW/122 PS. Für die von uns gefahrene Variante mit der größeren 52-kWh-Batterie und 110 kW/150 PS steigt der Preis in der Ausstattungslinie Advance auf 29.990 Euro. Noch mehr kostet die Top-Ausstattung Evolve (ab 34.900 Euro). Damit ist der Stromer deutlich teurer als sein historischer Benziner-Vorgänger.

Und jetzt wird’s interessant: Renault hat erst vor kurzem die Preise für den Renault 5 E-Tech gesenkt. In allen Ausstattungslinien um 1.710 Euro. Der Einstieg gelingt jetzt bereits ab 26.290 Euro. Und Nissan? – Die ziehen zumindest temporär mit. So kostet die Basis-Version mit 40-kWh-Batterie bis zum 30. September 2026 nur 26.381 Euro (Angebotspreis) und nicht 27.990 Euro. Das Top-Modell Evolve sinkt von 34.900 auf 32.600 Euro.

Spritziger Stromer für die Stadt

Auf der Straße zeigt der elektrische Micra seine Schokoladenseite. Mit dem 110 kW/150 PS starken Elektromotor sprintet der Kleinwagen in zügigen 8,0 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 150 km/h, was den Wagen autobahntauglich macht. Durch den tiefen Schwerpunkt liegt das Fahrzeug satt auf dem Asphalt. Er fährt sich spritzig, reagiert direkt auf Lenkbefehle und vermittelt enorm viel Freude im Stadtverkehr.

Der kleine Wendekreis von nur 10,3 Metern vereinfacht Rangier- und Parkmanöver in engen Lücken. Das One-Pedal-System ermöglicht nur über das Fahrpedal das komfortable Verlangsamen bis zum Stillstand. Zusätzlich stehen Schaltwippen am Lenkrad bereit, um die Rekuperation mehrstufig anzupassen. Punktabzug gibt es lediglich für gelegentliche Traktionsprobleme an der Vorderachse bei sehr zügiger Beschleunigung.

Ansprechendes Cockpit samt Google Integration

Der Innenraum präsentiert sich digital und übersichtlich gestaltet. Blickfang im Armaturenbrett ist das breite Panorama-Display mit Fahrerinfo- und Infotainment-Bildschirm. Das Infotainmentsystem setzt auf Google-Software, womit Google Maps und eine intuitive Sprachsteuerung ab Werk integriert sind. Jedoch erst ab der Ausstattung Advance. Die Menüführung verläuft flüssig und selbsterklärend. Praktisch gelöst sind die physischen Tasten unterhalb des Displays. Der Dachhimmel setzt mit seiner schachbrettartigen Struktur zudem einen visuellen Akzent. Kennt man alles so auch aus dem Renault 5 E-Tech, wo das Ganze aber noch farbenfroher gestaltet wird.

Je nach gewählter Linie sorgen Kunstlederbezüge für eine pflegeleichte Haptik, was besonders im Umgang mit Verschmutzungen Vorteile bietet. Vorne stehen dem Fahrer und Beifahrer mehrere Ablagen zur Verfügung, darunter eine induktive Ladeschale (ab Advance), modulare Becherhalter und ein Fach unter der Armlehne. Trotz des modernen Cockpits wirkt das Raumgefühl für sehr große Personen leicht beengt.

Definitiv kein Raumwunder

Beim Platzangebot zeigen sich die klaren Grenzen des Kleinwagen-Konzepts. Der Kofferraum fasst bescheidene 326 Liter – genauso viel wie beim Renault 5 E-Tech. Im Vergleich dazu bietet ein VW ID. Polo mit 440 Litern deutlich mehr. Die Ladekante fällt hoch aus, weshalb Gepäckstücke über eine Kante geschwungen werden müssen, bevor sie im tiefen Gepäckraum versinken. Ein Frunk unter der Fronthaube fehlt komplett.  Wer die Rücksitzbank im Verhältnis 60 zu 40 umklappt, muss mit einer verbleibenden Stufe leben.

Die großen Radhäuser und das expressive Karosseriedesign fordern – wie im Renault 5 – ihren Tribut im Innenraum. Auf der Rücksitzbank geht es eng zu, da Bein- und Kopffreiheit für größere Erwachsene deutlich eingeschränkt sind. Hier siegte die Form klar über die Funktion. Für Familien ist der Wagen wegen des kleinen Kofferraums weniger geeignet, während Singles und Paare gut damit zurechtkommen.

Reale Reichweite von 401 Kilometern

Offiziell verbraucht der Nissan Micra 14,7 kWh/100 km, die WLTP-Reichweite beträgt 416 Kilometer.  Positiv: Voll geladen zeigte der Testwagen im Bordcomputer 401 Kilometer an – so werden auch längere Fahrten nicht gleich zum Lade-Marathon.

Auf unserer Autobahn-Testfahrt wollten wir die Verbrauchsunterschiede zwischen den Fahrmodi herausfinden. Die über 200 Kilometer lange Hinfahrt absolvierten wir im Eco-Modus, die Rückfahrt in Sport. Das Ergebnis ist eindeutig: Lag der Verbrauch in Eco am Ende bei nur 14,5 kWh, stieg er in Sport auf 18,2 kWh. Man sollte aber bedenken, dass der Micra im Eco-Modus nur 115 km/h Höchstgeschwindigkeit zulässt – das entschleunigt zwar und reicht für die rechte Spur. Wer aber einmal zügig auf der linken Spur einen Lkw überholen will, sollte zumindest dafür kurz in Komfort oder besser noch in Sport wechseln.

Die Ladeleistung des Nissan Micra liegt im Klassendurchschnitt. Per Wechselstrom lädt der Micra an der Wallbox mit bis zu 11 kW. Gleichstrom-Schnellladen gelingt mit maximal 100 kW. Das ist ordentlich, stellt jedoch keinen Spitzenwert im Konkurrenzumfeld dar.

Etwas langweiliger, aber mit mehr Garantie als der Renault 5 E-Tech

Da der Nissan Micra auf derselben technischen Plattform wie der Renault 5 E-Tech aufbaut, drängt sich der direkte Vergleich auf. Der Franzose war zuerst da, wirkt wie das Original – der Micra tritt als eigenständige Interpretation auf. Mit seinen rundlichen Scheinwerfern blickt der Nissan freundlicher, der Renault wirkt dynamischer. Leider fehlen dem Nissan solche coolen Details wie die integrierte Batterieanzeige auf der Fronthaube. Auch fehlen ihm gewisse Individualisierungsmöglichkeiten, ob Gangwahlhebel oder Türbeklebung.

Bei der Technik sind beide fast identisch: Die Batterien und die E-Motoren sind dieselben. Bei der Maximal-Reichweite liegen beide Modelle nur einen Kilometer auseinander. Auch der WLTP-Verbrauch liegt auf demselben Niveau: Der Micra bewegt sich zwischen 14,2 und 14,4 kWh/100 km, der Renault kommt auf 14,4 kWh. Beim Basis-Preis beträgt die Differenz aktuell nur 91 Euro – die Frage, was Nissan nach seinem Angebotszeitraum (bis 30.09.) macht. Bei der Fahrzeuggarantie hat der Micra mit 3 Jahren die Nase vorn, auch wenn sie auf 100.000 Kilometer begrenzt ist (Renault: 2 Jahre/ohne Kilometerbegrenzung).

Fazit: Empfehlenswert, wäre da nicht …

Der Nissan Micra präsentiert sich als spritziger Elektro-Kleinwagen mit hoher Agilität und gelungenem Fahrverhalten. Der kleine Wendekreis macht ihn zum idealen Begleiter in der Stadt. Der Testwagen überzeugt auf der Langstrecke durch niedrige Verbrauchswerte im Eco-Modus. Schwächen offenbaren sich beim knappen Kofferraum und im engen Fond.

Das Fahrzeug eignet sich perfekt für Singles oder Paare, die Wert auf ein sympathisches Design legen. Und der Haken? – Der liegt ganz klar darin, dass es den Konkurrenten Renault 5 E-Tech gibt. Für das Schwestermodell sprechen die Detailverliebtheit und Individualisierungsmöglichkeiten innen wie außen. Japaner oder Franzose? – Am Ende wohl auch ein wenig Geschmackssache.

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