Dein Weg zum neuen Auto
Der Kia EV3 ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Er ist nur 4,31 Meter lang – kaum länger als ein VW Golf – sieht mit seinem kantigen Design aber eher aus wie ein geschrumpftes SUV. Und innen passiert etwas Ähnliches: Die Außenmaße sind kompakt, der Innenraum fühlt sich erstaunlich groß an. Diese Mischung macht den EV3 interessant.
Zumal unser Testwagen mit einer Ausstattung, bei der sich die Frage stellt: Ist der EV3 das kleinste Luxusauto der Welt?
Außen klein, innen ziemlich groß

Kia hat beim EV3 offenbar beschlossen, dass ein kleines Elektroauto nicht zwangsläufig klein wirken muss. Die hohe Dachlinie und die kantigen Formen schaffen innen ordentlich Platz. Auch hinten ist die Beinfreiheit für ein Auto dieser Größe bemerkenswert gut. Der EV3 wurde von Anfang an als Elektroauto entwickelt, was der Raumausnutzung zugutekommt.

Der Kofferraum ist mit 460 Litern (413 Liter bei Allradantrieb) ebenfalls überraschend groß und wächst bei umgeklappter Rückbank auf 1.251 Liter (1.204 Liter bei Allradantrieb). Außerdem gibt es unter der Fronthaube einen 25-Liter-Frunk für Ladekabel. Mein einziger Einwand: Die Ladekante beziehungsweise der Ladeboden sitzt ziemlich hoch.
Das ist also ein Auto, das seine rund 4,30 Meter ausgesprochen geschickt ausnutzt.
Innenraum: Luxusausstattung und Krankenhaus-Atmosphäre

Und dann sitzt man drin und ist kurz überfordert, weil sich der EV3 so ungewöhnlich anfühlt. Das beginnt mit den Proportionen, die nicht denen eines Kompaktwagens entsprechen: Der EV3 ist geräumig, luftig, breit und nicht so zugebaut wie viele Konkurrenten.
Weiter geht es bei der Ausstattung: Unser Testwagen besitzt Sitzheizung vorne und hinten, Sitzbelüftung vorne, elektrisch verstellbare Sitze mit Memory-Funktion, sensorgesteuerte Heckklappe und ein Head-up-Display.
Mit dem entsprechenden Paket kann der EV3 sogar per Fernbedienung am Fahrzeugschlüssel ein- und ausparken. Eigentlich fehlen nur noch Massagesitze. Und ein Butler, bitte.

Allerdings hat dieser Luxus einen Haken: Er kostet. Der EV3 startet bei 35.990 Euro, für die 81,4-kWh-Version werden mindestens 41.390 Euro fällig. Die GT-line mit großem Akku kostet 48.690 Euro, der 292 PS starke GT startet bei 53.990 Euro.
So landet auch unser Testwagen mit 204 PS und Frontantrieb als GT-line mit Sonderausstattung bei über 53.000 € – für ein Auto in Golf-Größe!

Und dennoch ist optisch nicht alles luxuriös. Das viele Grau und die großen Kunststoffflächen wirken teilweise krankenhausmäßig und altbacken. Das ist ein merkwürdiger Kontrast: technisch steckt hier viel moderne Elektronik drin, die Material- und Farbwahl vermittelt stellenweise aber eher den Charme eines Wartezimmers.
Die Sitze passen dagegen hervorragend zum Komfortanspruch. Sie sind breit geschnitten, gut gepolstert und die Kopfstützen fühlen sich absurd weich an. Positiv wie negativ, denn Seitenhalt gibt es kaum. Der EV3 möchte also lieber, dass du dich zurücklehnst, als dass du ihn durch eine Kurve prügelst.
Einige wirklich seltsame Ideen

Auch bei der Bedienung geht Kia einen eigenen Weg. Unterhalb des großen Touchscreens sitzen riesige Touch-Flächen für Funktionen wie Home, Map und Media. Das ist praktisch, weil man sie kaum verfehlen kann. Gleichzeitig sind die Beschriftungen derart groß, dass man fast vermutet, Kia habe den EV3 speziell für Menschen entwickelt, die ihre Lesebrille zu Hause vergessen haben.
Noch seltsamer ist die Mittelarmlehne. Sie sieht ein bisschen wie ein Bügelbrett aus, lässt sich herausziehen und der gepolsterte Teil kann hochgeklappt werden. Nur: Darunter ist kein Stauraum. Man kann dort also nichts hineinlegen. Eine Mittelarmlehne, die nicht mehr sein möchte als genau das – mutig.
Reichweite: Hier wird der EV3 erwachsen

Bei den Antrieben ist der EV3 deutlich weniger verspielt. Der Einstiegsmotor leistet 150 kW beziehungsweise 204 PS und treibt die Vorderräder an. Dazu gibt es Batterien mit 58,3 und 81,4 kWh – eine absolute Ansage an Batteriekapazität im Kompaktsegment! Mit dem großen Akku und 17-Zoll-Rädern sind laut WLTP bis zu 605 Kilometer möglich. Mit 19-Zöllern sind es 563 Kilometer.
Wer mehr Leistung möchte, kann den EV3 mit 195 kW und Allradantrieb bekommen. Der schafft offiziell bis zu 572 Kilometer. Ganz oben steht der EV3 GT mit 215 kW beziehungsweise 292 PS und 501 Kilometern WLTP-Reichweite.

Unser Testwagen fühlt sich mit dem 204-PS-Antrieb angenehm kräftig an. Der Durchzug ist gut, aber keineswegs brutal. Genau das passt eigentlich ganz gut zum Charakter des Autos: Der EV3 will dich nicht beeindrucken, indem er dir beim Beschleunigen die Gesichtszüge nach hinten zieht.
Beim Laden ist die Sache weniger beeindruckend. Serienmäßig gibt es 11 kW AC, 22 kW sind optional und an bestimmte Pakete gekoppelt. An DC sind maximal 101 kW mit der kleinen und 128 kW mit der großen Batterie möglich. 10 bis 80 Prozent dauern 29 beziehungsweise 31 Minuten.
Das ist okay. Aber in einer Welt, in der Elektroautos immer schneller laden, ist „okay“ nicht gerade ein Kompliment.
Wie fährt sich der kleinste Luxus-Kia?

Hier wird der EV3 interessanter.
Er fährt sich nicht so weich, wie es die luxuriösen Sitze erwarten lassen. Unebenheiten werden ordentlich weggefiltert, gleichzeitig fühlt sich das Fahrwerk aber gewohnt straff an – so, wie es bei vielen Elektroautos inzwischen üblich ist.
Die Rekuperation lässt sich über die Lenkradwippen einstellen. Ich hätte mir allerdings ein konsequenteres One-Pedal-Fahrgefühl gewünscht. Der EV3 kann zwar kräftig verzögern, sobald man vom Fahrpedal geht, aber nicht ausreichend stark und auch nicht bis zum Stillstand.

Dafür lässt sich das Auto erstaunlich leicht bewegen. Die Lenkung ist angenehm abgestimmt und der Wendekreis von 10,4 Metern macht ihn in der Stadt angenehm handlich.
Und dann gibt es noch einen Gegner, gegen den selbst ein 50.000-Euro-Elektroauto nicht besonders gut vorbereitet ist: die Assistenzsysteme.

Der Tempolimitwarner nervt. Man kann ihn zwar über das Lenkrad deaktivieren, aber damit verschwinden nicht automatisch alle anderen Warntöne. Insbesondere der Ton, der beim Erkennen eines neuen Tempolimits ertönt, bleibt eingeschaltet. Auch der Aufmerksamkeitsassistent reagiert für meinen Geschmack viel zu empfindlich und meldet sich immer wieder mit Tönen, die man nicht unbedingt hören möchte.
Immerhin lässt sich das Fahrassistenz-Menü über die Favoritentaste am Lenkrad relativ schnell aufrufen. Trotzdem muss man sich bei jeder Fahrt erneut durch die Einstellungen arbeiten. Wenn ich jedes Mal mehrere Eingaben machen muss, bevor mein Auto endlich aufhört, mich zu erziehen, verliere ich ziemlich schnell die Geduld.
Also: das kleinste Luxusauto der Welt?

Vielleicht. Zumindest ist der Kia EV3 das kleinste Auto, das mir in letzter Zeit so überzeugend das Gefühl vermittelt hat, möglichst viel Ausstattung in möglichst wenig Blech unterbringen zu wollen.
Er ist kompakt, aber geräumig. Er hat eine beeindruckende Ausstattung, bequeme Sitze und eine enorme Reichweite von bis zu 605 Kilometern. Gleichzeitig wirkt der Innenraum stellenweise billig und altbacken, das Fahrwerk könnte komfortabler sein und die Assistenzsysteme können einem gehörig auf die Nerven gehen.
Der EV3 ist ein kleines Elektroauto mit großen Ambitionen – und manchmal mit ziemlich großen Ideen, die nicht alle funktionieren. Er liefert im Kompaktsegment außergewöhnlich viel, wenn man das entsprechende Geld dafür hinlegt.
Der EV3 ist tatsächlich so etwas wie ein Mini-Luxusauto, mindestens ein Premium-Auto – und genau solch einen Preis fordert Kia dafür dann auch.