Dein Weg zum neuen Auto
1 Prozent Akku, sechs Kilometer Restreichweite – und die geplante Ladesäule ist außer Betrieb. Genau in diesem Moment wird klar: Das eigentliche Problem beim mit dem Elektroauto in Italien ist nicht die Reichweite. Es sind die vielen kleinen Hürden, die sich unterwegs zu einem großen Problem summieren.
Unterschiedliche Bezahlsysteme, komplizierte Ladeplanung, Mautstationen und schwer erreichbare Ladesäulen sorgen dafür, dass jede Ladepause deutlich mehr Aufmerksamkeit erfordert als eigentlich nötig.
Der unangenehmste Moment kam am Brenner

Die kritischste Situation entstand auf der Rückfahrt. Die ersten beiden Ladestopps verliefen problemlos. Für die rund 200 Kilometer lange Etappe danach war eigentlich genügend Energie eingeplant – das Auto zeigte knapp 300 km Reichweite.
Doch der lange Anstieg mit 38° C Außentemperatur und laufender Klima Richtung Brenner ließ den Verbrauch deutlich schneller steigen als erwartet. So schnell, dass wir auf den letzten 50 km die Klima deaktivierten. Eine gute Entscheidung, wie sich noch herausstellen sollte.
An der vorgesehenen Ladesäule angekommen, zeigte das Display nur noch 1 Prozent Akkustand und 6 Kilometer Restreichweite. Ausgerechnet diese Ladesäule war jedoch außer Betrieb.

Die Alternative lag mehrere Kilometer entfernt. Mit gerade einmal 2 Kilometern Restreichweite erreichten wir schließlich eine Ionity-Station in Österreich – nur um festzustellen, dass sie sich in einem Parkhaus befand. Das hätte zusätzliche Parkgebühren bedeutet, was auf der Navigation nicht zu erkennen war.
Zum Glück befand sich wenige hundert Meter weiter noch ein Shell-Recharge-Lader, an dem diesmal sogar das EnBW-Roaming funktionierte.
Genau solche Situationen zeigen, warum es keine gute Idee ist, auf Langstrecken immer die letztmögliche Ladesäule anzusteuern. Dabei war es nur eines von zahlreichen Problemen mit der italienischen Lade-Infrastruktur.
Schon die Ladeplanung beginnt mit Problemen

Eigentlich sollte die Navigation eines modernen Elektroautos die passenden Ladestopps automatisch berechnen. Viele Autos können das bereits und der Kia PV5, mit dem wir unterwegs waren ist da keine Ausnahme.
Genau das funktionierte im Kia PV5 jedoch überhaupt nicht. Der EV-Routenplaner ließ sich nicht aktivieren, der entsprechende Button blieb dauerhaft ausgegraut. Ob fehlende Kia-Connect-Dienste, eine nicht verknüpfte Kontoverbindung oder eine Besonderheit des Pressefahrzeugs dafür verantwortlich waren, ließ sich unterwegs nicht klären.
Die Folge: Jede einzelne Ladesäule musste manuell gesucht und geplant werden. Das kostet nicht nur Zeit, sondern erhöht auch den Stress, weil ständig entschieden werden muss, wann der nächste Ladestopp sinnvoll ist und welche Station überhaupt infrage kommt.
Italien hat ein ganz eigenes Ladeproblem

Genau an dieser Stelle kommt eine Besonderheit Italiens ins Spiel, die viele Urlauber vermutlich nicht auf dem Schirm haben.
Wie auch in Deutschland liegen viele Schnelllader nicht direkt an der Autobahn, sondern auf Autohöfen daneben. Während das hierzulande meist nur wenige Minuten kostet, wird daraus in Italien schnell ein deutlich größerer Aufwand.
Wer die Autostrada verlässt, muss zunächst durch eine Mautstation. Dort wird die bisherige Strecke abgerechnet. Anschließend geht es zur Ladesäule, bevor man erneut auf die Autobahn auffährt und ein neues Mautticket zieht. Jeder Ladestopp kostet dadurch zusätzliche Zeit und macht die Reise unnötig kompliziert.
Statt einfach die nächste Schnellladesäule anzusteuern, muss deshalb jede Station genau überprüft werden: Liegt sie direkt an der Autobahn oder erst hinter der Ausfahrt? Dafür ist ständiges Heranzoomen auf der Karte nötig – alles während der Fahrt beziehungsweise kurz vor dem nächsten Ladestopp.
Genau dieser permanente Entscheidungsdruck macht einen E-Auto-Urlaub deutlich anstrengender, als er eigentlich sein müsste. Statt einfach der Navigation zu folgen, muss ständig überlegt werden: Reicht der Akku noch? Muss ich durch eine Mautstation? Gibt es danach noch eine Alternative? Funktioniert dort überhaupt meine Ladekarte?
Warum jeder Ladestopp zur Detektivarbeit wird

Auch die eigentliche Suche nach passenden Schnellladern im Kia PV5 macht die Sache nicht einfacher.
Während der Navigation werden Ladesäulen lediglich als kleine Pins auf der Karte dargestellt. Wichtige Informationen fehlen zunächst komplett. Weder Ladeleistung noch Betreiber oder Verfügbarkeit sind auf den ersten Blick erkennbar.
Erst wenn man einen einzelnen Pin exakt trifft – auf dem Touchscreen während einer Reise ohnehin nicht besonders komfortabel – erscheinen weitere Informationen wie Entfernung oder Fahrzeit.
Gerade auf einer längeren Urlaubsfahrt entsteht daraus ein unnötig komplizierter Prozess. Eigentlich möchte man lediglich wissen, welcher Schnelllader in Fahrtrichtung liegt, mindestens rund 100 kW Ladeleistung bietet und möglichst wenig Zeit kostet.
Die Ladesäule funktioniert – bezahlen lässt sie sich trotzdem nicht

Der erste Ladestopp nach rund 300 Kilometern brachte ein erwartbares Ergebnis. Die EnBW-Ladekarte funktionierte nicht. Auch das Laden über die EnBW-App war nicht möglich. Also blieb nur das Ad-hoc-Laden direkt am Terminal.
Positiv war immerhin der Preis. Mit rund 43 Cent pro Kilowattstunde war das spontane Laden sogar günstiger als der EnBW-Roamingpreis.
Dafür begann das nächste Problem. Weder die Debitkarte noch die Visa-Karte wurden akzeptiert. Erst über Google Wallet mit einer hinterlegten virtuellen Mastercard via PayPal ließ sich der Ladevorgang schließlich starten.
Die Erfahrung zeigt: Wer im Ausland nur auf eine einzige Ladekarte oder Zahlungsmethode vertraut, kann schnell stranden.
Selbst die Rechnung wird manchmal zur Herausforderung

Wer für den Ladevorgang eine Rechnung benötigt, muss sich teilweise ebenfalls durch komplizierte Systeme kämpfen. Was beim Tanken mit der Quittung direkt erledigt ist, wird beim Laden je nach Anbieter erstaunlich bürokratisch.
Bei einem Anbieter musste der Beleg nachträglich über die Website beantragt werden. Dafür waren unter anderem die Kennziffer der Ladesäule, der Zeitpunkt des Ladevorgangs, der gezahlte Betrag und die Rechnungsadresse erforderlich. Die Kennziffer hatte ich natürlich nicht notiert und konnte sie letztlich nur mithilfe eines Fotos der Ladesäule bei Google Maps rekonstruieren.
Andere Betreiber zeigen dagegen, wie unkompliziert es funktionieren kann. Dort genügte ein Scan des QR-Codes am Terminal. Während des Ladevorgangs konnten die Daten live verfolgt werden, anschließend wurde der Beleg automatisch per SMS verschickt. Einfacher geht es kaum.
Wenn Navigation und Realität nicht zusammenpassen

Auch am Urlaubsort selbst zeigte sich, dass Ladeinfrastruktur mehr bedeutet als nur ausreichend viele Säulen.
In Livorno war der Plan eigentlich simpel: Das Auto sollte während des Parkens an einer AC-Ladesäule laden, um mit vollem Akku die Rückreise anzutreten und gleichzeitig Parkgebühren zu sparen.
In der Praxis führte die Fahrzeugnavigation jedoch mehrfach über Bordsteine oder sogar durch Fußgängerzonen. Google Maps machte es kaum besser. Einbahnstraßen schienen teilweise falsch hinterlegt zu sein, mehrere Ladepunkte wirkten praktisch unerreichbar.
Nach mehreren Runden durch enge Seitenstraßen wurde die Suche schließlich aufgegeben. Das Auto blieb ungeplant mit lediglich 59 Prozent Akkustand stehen. Für die Heimreise bedeutete das zwangsläufig einen zusätzlichen Schnellladestopp – und damit erneut die Suche nach einer passenden Ladesäule.
Eine positive Ausnahme entlang der A22

Dass es auch anders geht, zeigt ausgerechnet die Brennerautobahn.
Entlang der A22 befinden sich Schnelllader direkt an der Autobahn. Dadurch entfällt nicht nur das Verlassen der Autostrada mitsamt erneuter Mautabwicklung. Gleichzeitig lagen die Preise mit rund 43 Cent pro Kilowattstunde auf einem erfreulich niedrigen Niveau.
Zum Vergleich: Bei anderen Anbietern kostet Ad-hoc-Laden in Italien teilweise bis zu 86 Cent pro Kilowattstunde. Die A22 zeigt damit, dass komfortables und bezahlbares Schnellladen auf der Langstrecke durchaus möglich ist.
Fazit: Nicht die Reichweite macht den Urlaub anstrengend

Die Reise mit dem Kia PV5 hat gezeigt, dass ein Elektroauto grundsätzlich problemlos bis in die Toskana kommt. An mangelnder Reichweite scheiterte die Fahrt nicht.
Anstrengend wurde sie durch die Summe vieler kleiner Probleme. Eine nicht funktionierende Ladeplanung, die italienische Mautstruktur, komplizierte Ladesäulensuche, uneinheitliche Bezahlmöglichkeiten und die ständige Frage, ob die nächste Säule tatsächlich erreichbar und funktionsfähig ist, erzeugten einen erheblichen mentalen Aufwand.
Mit einem Fahrzeug, das eine größere Batterie und eine gut integrierte Ladeplanung bietet, dürften viele dieser Herausforderungen deutlich entspannter ausfallen. Im Kia PV5 wurde dagegen jeder Ladestopp zu einer kleinen Planungsaufgabe. Und genau das ist im Urlaub eigentlich das Letzte, womit man sich beschäftigen möchte.