Das einzige Auto ohne nerviges Piepen – Nur Volvo umgeht den akustischen Tempolimitwarner

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Seit Juli 2024 müssen neue Autos in der EU mit Intelligent Speed Assistance, kurz ISA, ausgestattet sein. Was nach mehr Sicherheit klingt, nervt seitdem Autofahrende mit schrillen Pieptönen und falsch erkannten Tempolimits. Dabei schreibt die EU eine akustische Warnung gar nicht vor. Doch nur ein Hersteller schafft es, die EU-Verordnung kreativ umzusetzen.

Das Problem mit der neuen EU-Pflicht zum Tempolimitwarner: Beinahe ausnahmslos alle Hersteller setzen dabei auf eine banale akustische Warnung, die sich in einem Geräusch äußert. Kaum ist man ein paar km/h über dem Limit, piept, bingelt oder meckert das Auto los, als hätte man gerade versucht, rückwärts durch eine Fußgängerzone zu driften. Das ist formal vielleicht regelkonform, im Alltag aber oft vor allem eines: nervig.

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Die meisten Autofahrenden schalten Tempolimitwarner aus

So nervig, dass laut einer Umfrage der Tageszeitung Blick 53 Prozent angeben, den Tempowarner immer direkt auszuschalten. Weitere 18 Prozent ignorieren die Assistenzsysteme grundsätzlich und nur 28 Prozent nutzen sie bewusst, um sicherer zu fahren.

Ärgerlich sind die Pieptöne auch aufgrund ihrer Fehleranfälligkeit: Die Verkehrszeichenerkennung liegt oft falsch, der Warnton ist in der Folge ungerechtfertigt und die zulässige Toleranz in der EU-Verordnung mit lediglich 3% gering bemessen.

Es ist auch ein Armutszeugnis, wenn das wichtigste Feature eines Sicherheitssystems seine möglichst schnelle Abschaltung ist.

Hersteller sind nicht kreativ genug in der Lösungsfindung

Doch auch der Fokus der Hersteller ist falsch gesetzt. Seit Einführung der Intelligent Speed Assistance (ISA) dreht sich alles darum, dass der Warnton möglichst leicht zu ignorieren ist, indem das Geräusch nicht zu aufdringlich, zu laut oder leicht auszuschalten ist.

Wenn es um das Deaktivieren geht, werden viele kreativ: Bei BMW gelingt das über einen Shortcut am Lenkrad, bei VW über einen Schnellbefehl auf dem Touchscreen, bei Renault oder Dacia sogar über einen extra Schalter neben dem Lenkrad.

Was die EU tatsächlich verlangt

Dabei übersehen die Hersteller einen entscheidenden Punkt: Die EU-Verordnung verlangt gar nicht, dass die Autos piepen und ihre Mitfahrenden mit Warntönen mürbe machen. Im Gegenteil: Die Vorgaben lassen ausdrücklich mehrere Wege zu.

Die Verordnung (EU) 2021/1958 sieht auch haptische Warnungen als Möglichkeit:

Der Warnhinweis kann eine der folgenden Formen annehmen:
a) visuelle und kaskadenartige akustische Warnung;
b) visuelle und kaskadenartige haptische Warnung;
c) ausschließlich haptische Warnung.

Die Auslegung bleibt den Herstellern überlassen. Volvo nutzt genau diesen Spielraum und zeigt, dass es auch ohne Piepen geht. Die Schweden bieten als einzige neben der klassischen akustischen Geschwindigkeitswarnung eine adaptive Pedalreaktion an in allen Modellen außer dem EX30.

Volvo hat tatsächlich einen praktischen Tempolimitwarner entwickelt

Wir haben sie im Volvo EX40 getestet. Im Fahrmenü lässt sich auswählen, ob man die klassische akustische Warnung oder die adaptive Pedalreaktion nutzen möchte.

Das gesamte ISA-System kann zusätzlich über einen Shortcut am Lenkrad, konkret über die linke Pfeiltaste, sehr einfach deaktiviert werden. Aber der spannendere Teil ist eben nicht das Abschalten. Der spannendere Teil ist, dass man den Ton gar nicht braucht.

Beim Fahren mit dem EX40 merkt man in der Mitte des Gaspedalwegs einen leicht erhöhten Widerstand. Wichtig: Das ist keine harte Schwelle, wie man sie vielleicht vom Kickdown kennt. Es ist eher ein sanfter Hinweis unter dem rechten Fuß.

Ungewohnt am Anfang

Dadurch fühlt sich das Gaspedal zunächst anders an als in vielen anderen Autos. Es ist weniger direkt mit der Motorleistung verknüpft, sondern stärker mit der gewünschten Geschwindigkeit. Im Alltag entspricht ungefähr der halbe Pedalweg meist dem aktuell geltenden Tempolimit. Erst wenn man den leicht erhöhten Widerstand bewusst überwindet, beschleunigt der EX40 über das Limit hinaus.

Das ist anfangs ungewohnt. Wer aus einem klassischen Auto kommt, erwartet: mehr Pedalweg gleich mehr Leistung. Im Volvo fühlt es sich eher so an, als würde das Auto sagen: Bis hierhin ist der legale Bereich, darüber musst du aktiv entscheiden. Nach kurzer Eingewöhnung ist das erstaunlich überzeugend, weil es nicht nervt. Es piept nicht. Es belehrt nicht. Es hilft einfach dabei, präzise am Limit zu fahren.

Besonders interessant ist, dass sich die tatsächliche Geschwindigkeit trotz gleichbleibender Pedalstellung ändern kann. Ändert sich das erkannte Tempolimit, passt das Auto sein Verhalten entsprechend an.

Tatsächlich ist es damit spielend leicht, exakt die erlaubte Geschwindigkeit zu fahren. Während man bei einer akustischen Warnung penibel darauf achten muss, nicht zu schnell oder zu langsam zu fahren, gelingt das mit Volvos System ganz intuitiv.

Dennoch nicht fehlerfrei

Natürlich ist das System nicht perfekt. Die adaptive Pedalreaktion hängt vollständig davon ab, dass die Verkehrszeichenerkennung korrekt arbeitet. Und die ist bei Volvo nicht magisch besser als bei anderen Herstellern. Während meiner Testfahrt funktionierte sie überwiegend zuverlässig, einmal wurde innerorts allerdings fälschlicherweise ein Tempolimit von 100 km/h erkannt. In so einem Moment arbeitet auch die clevere Pedalreaktion mit falschen Informationen.

Das ist aber kein exklusives Volvo-Problem. Ein akustischer Warnton auf Basis falscher Verkehrszeichenerkennung ist genauso falsch – nur lauter. Genau deshalb ist es so entscheidend, wie Hersteller diese Warnung umsetzen. Wenn ein System gelegentlich falsch liegt, sollte es wenigstens nicht jedes Mal wie ein defekter Rauchmelder auftreten.

Mehr Hersteller sollten kreativ werden

Genau deshalb wirkt Volvos ISA-Lösung so stark. Sie ist kein isoliertes Gimmick, sondern Teil einer Denkweise. Während viele Hersteller offenbar nur die EU-Vorgabe abhaken, nutzt Volvo die Regel, um das Fahrerlebnis tatsächlich besser zu machen. Nicht perfekt, aber besser.

Und das ist der eigentliche Skandal an der ganzen ISA-Debatte: Die EU hat den Herstellern gar nicht vorgeschrieben, ihre Kunden akustisch zu nerven. Sie hat ein Assistenzsystem verlangt, das bei der Einhaltung angemessener Geschwindigkeit unterstützt. Die Verordnung lässt haptische Rückmeldungen über Widerstand oder Vibrationen ausdrücklich zu. Im Gegensatz zum Warnton sogar ohne Begleitung visueller Hinweise.

Volvo beweist, dass diese Lösung funktionieren kann. Trotzdem greifen viele Marken zur billigsten, simpelsten und oft nervigsten Variante. Die Autohersteller könnten hier viel kreativer werden.

Assistenzsysteme sollten helfen, nicht nerven

Ob ein Auto überhaupt vor zu hoher Geschwindigkeit warnen sollte, ist eine eigene Debatte. Aber ein gutes Sicherheitssystem sollte so gestaltet sein, dass Menschen es nutzen wollen – nicht so, dass sie nach jedem Start reflexartig nach dem Ausschaltknopf suchen. Doch genau das passiert derzeit.

Volvo hingegen hat etwas gemacht, das in der Autoindustrie erstaunlich selten geworden ist: eine Vorschrift nicht bloß erfüllt, sondern vernünftig interpretiert. Und genau das macht den Unterschied zwischen einem Auto, das piept, und einem Auto, das hilft.

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